Perspektiven / Vertriebsorganisation

Der Vertrieb ist überlastet. Braucht er wirklich mehr Personal?

Volle Kalender beweisen noch keinen Kapazitätsmangel. Bevor Unternehmen zusätzliche Unterstützung einkaufen, sollten sie unterscheiden, ob Zeit, Kompetenz oder Entscheidungsspielraum fehlen.

Analyse · 23. Oktober 2026 · 4 Minuten Lesezeit

Die Angebote stapeln sich, Rückrufe bleiben liegen, die Geschäftsführung springt bei wichtigen Kunden ein. «Wir brauchen sofort Unterstützung» ist in dieser Lage eine verständliche Reaktion. Doch eine zusätzliche Person kann nur dann wirksam entlasten, wenn klar ist, welche Arbeit sie übernehmen soll – und warum diese Arbeit bisher liegen bleibt.

Ein konstruierter Fall macht den Unterschied sichtbar: Ein Unternehmen sucht einen weiteren Verkäufer, weil Angebote zu langsam herausgehen. Tatsächlich warten sie überwiegend auf technische Klärungen und individuelle Rabattfreigaben. Mehr Akquise würde hier zunächst zusätzliche Vorgänge in dieselbe Warteschlange bringen. Der Engpass liegt vor dem nächsten Kundengespräch.

Was die viel zitierte Zeitstatistik nicht sagt

Salesforce berichtet 2026, dass Vertriebsmitarbeitende rund 60 Prozent ihrer Zeit mit Tätigkeiten ausserhalb des eigentlichen Verkaufens verbringen. Der zugrunde liegende State-of-Sales-Report beruht auf einer Befragung von 4’050 Vertriebsfachleuten in 22 Ländern, durchgeführt im August und September 2025.[1][2]

Die Zahl ist ein Anlass zur Prüfung, kein Beweis für 60 Prozent Verschwendung. Vorbereitung, Weiterbildung und saubere Dokumentation können für gute Abschlüsse notwendig sein. Zudem handelt es sich um Selbstauskünfte in einer Untersuchung eines Softwareanbieters, nicht um eine unabhängige Zeitmessung im eigenen Betrieb. Aus ihr lässt sich weder eine Personalquote noch ein Automatisierungsversprechen ableiten.

Die betriebliche Frage ist konkreter: Welche Tätigkeiten erhöhen die Chance auf einen wirtschaftlich sinnvollen Abschluss – und welche entstehen, weil Informationen, Regeln oder Zuständigkeiten fehlen?

Drei Diagnosen, drei unterschiedliche Eingriffe

Kapazität fehlt: Ein eingespielter Ablauf funktioniert, aber eine nachvollziehbare Zahl qualifizierter Vorgänge übersteigt vorübergehend die verfügbare Arbeitszeit. Hier kann operative Unterstützung sinnvoll sein. Voraussetzung sind ein klar abgegrenzter Aufgabenbereich, Zugriff auf die nötigen Informationen und realistische Einarbeitung.

Kompetenz fehlt: Ein neues Segment, komplexe Ausschreibungen oder anspruchsvolle Verhandlungen stellen andere Anforderungen als das bisherige Geschäft. Eine weitere Person mit demselben Profil löst diesen Engpass möglicherweise nicht. Benötigt wird eine konkrete Fähigkeit – dauerhaft im Team oder zeitlich begrenzt mit verbindlicher Wissensübergabe.

Entscheidungen fehlen: Angebote warten auf Freigaben, Kunden werden mehrfach übergeben oder das Team verfolgt widersprüchliche Prioritäten. Hier sollte die Geschäftsleitung zuerst Regeln und Verantwortlichkeiten klären. Externe Hilfe kann die Arbeit unterstützen; sie kann der Leitung ihre Entscheidungen nicht abnehmen.

Diese Unterscheidung ist ein Diagnosevorschlag. In der Praxis können alle drei Ursachen zusammenkommen. Gerade dann hilft es, sie nicht unter dem Sammelbegriff «Überlastung» zu verstecken.

Eine kurze Bestandsaufnahme vor dem Auftrag

Für einen ersten Überblick lässt sich eine überschaubare Auswahl offener und kürzlich abgeschlossener Verkaufschancen untersuchen. Erfasst werden der letzte echte Kundenschritt, die nächste verbindliche Aktion, die zuständige Person und der Grund für Wartezeiten. Ein CRM-Status wie «in Verhandlung» ist dafür zu ungenau: Er sagt nicht, ob der Kunde tatsächlich verhandelt oder ob intern niemand weiterarbeitet.

Ergänzend kann das Team über zwei typische Arbeitswochen festhalten, wo Zeit gebunden wird. Zwei Wochen sind eine praktische Startannahme, kein allgemeiner Forschungsstandard. Saisonale Spitzen und lange Verkaufszyklen verlangen einen längeren Blick. Wichtig ist, die Beobachtung als Prozessanalyse zu erklären; andernfalls kann aus einer hilfreichen Erhebung eine defensive Rechtfertigungsübung werden.

Das Ergebnis sollte in einen Satz passen: «Wir verlieren die meiste Zeit zwischen technischer Rückfrage und freigegebenem Angebot.» Oder: «Für ausreichend qualifizierte Anfragen fehlen tatsächlich verlässliche Gesprächskapazitäten.» Erst damit wird ein Unterstützungsauftrag präzise.

Wann schnelle Hilfe trotzdem Vorrang hat

Bei Krankheit, Kündigung oder einer akuten Auftragsspitze kann ein Unternehmen nicht auf eine abgeschlossene Analyse warten. Dann ist vorläufige Entlastung vernünftig. Der Auftrag sollte jedoch einen kurzen Prüfpunkt enthalten: Hat sich die Wartezeit verkürzt? Werden Kunden verlässlich erreicht? Bleibt das ursprüngliche Hindernis bestehen?

Auch die Erfolgsmessung muss zum Verkaufszyklus passen. Bei langen Investitionsentscheidungen wäre kurzfristiger Umsatz als einziges Kriterium unfair und leicht irreführend. Aussagekräftiger können qualifizierte Kundenschritte, Bearbeitungszeiten und die Qualität der Übergabe sein. Bei kurzen Zyklen lässt sich zusätzlich prüfen, ob der Ergebnisbeitrag die Unterstützungskosten trägt. Reine Aktivitätszahlen wie Anrufe belohnen dagegen möglicherweise Beschäftigung ohne Fortschritt.

Der Auftrag endet mit einer funktionierenden Übergabe

Gute Unterstützung hinterlässt nachvollziehbare Kundenstände, klare nächste Schritte und ein Team, das ohne dauernde Rückfragen weiterarbeiten kann. Dazu gehören Verantwortliche und ein vereinbarter Übergabetermin bereits bei Auftragsbeginn.

Die Geschäftsführung sollte am Ende zwei Fragen beantworten können: Was wurde während des Einsatzes erledigt? Und was funktioniert danach besser? Wenn nur die erste Antwort überzeugt, wurde eine Lücke überbrückt. Das kann nötig sein – sollte aber nicht mit einer verbesserten Vertriebsorganisation verwechselt werden.

Ein Beitrag von Catrin B. Hardung · Hardung.advisory

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